LRS
LRS- Lese-Recht-Schreibschwäche?
Es war eine wichtige Einsicht der Legasthenie-Forschung, dass Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten nicht allein durch Lese-und Rechtschreibübungen zu beheben sind.
Um LRS- SchülerInnen gezielt fördern zu können, ist es wichtig zu wissen, wie umfangreich die Lücken sind und welche Lese-und Rechtsschreibschwierigkeiten bestehen.
Einige wichtige Fragen für die Analyse der Lernschwierigkeiten sind:
- Wie sind die Lese-und Schreiblernvoraussetzungen meines Kindes?
- Wie ist das Lern-und Arbeitsverhalten zu beurteilen?
- Wie sind die schulischen Bedingungen?
- Wie ist die Lernmotivation meines Kindes einzuschätzen?
- Welches Selbstbild bzw. Konzept hat mein Kind?
- Wie reagiert mein Kind auf seine Umwelt?
- Welche Defizite in den Schulleistungen sind vorhanden?
Nach einer gründlichen Diagnose bzw. Anamnese kann man die Situation des Kindes prüfen und mit den Eltern ein Therapiekonzept vereinbaren.
Die Förderung fängt meistens zu spät an!
Jede erfahrene LehrerIn, die schon mehrfach eine Anfangsklasse unterrichtet hat, weiß in der Regel schon nach wenigen Wochen, welche SchülerInnen beim Lesen-und Schreibenlernen Schwierigkeiten haben werden. Erst müssen Misserfolge in Kauf genommen werden, bevor eine gezielte Förderung einsetzt. Das Hauptproblem ist hierbei, dass durch die Misserfolge in den ersten beiden Schuljahren die Lernfreude, die Motivation und das Selbstvertrauen der SchülerInnen verloren geht. Im Förderkurs muss dies dann mühsam wieder aufgebaut werden. Das kostet natürlich viel Zeit. Eine Förderung der Motorik und Graphomotorik kommt in Klasse 3 viel zu spät. Die Kinder haben bereits falsche Kompensationen eingeschliffen und automatisiert. Diese sind nun kaum noch zu beheben. Man kann dann Übungen in den Grundfunktionen nur noch schwer den Kindern verkaufen. Einen Zehnjährigen kann man kaum noch mit altersgemäßen Übungen zu Schwungübungen verführen. Denken Sie an die Lautgebärdensprache, die Kinder in diesem Alter als Babykram abtun.
Jede LRS- Förderung sollte so früh wie möglich einsetzen.
1. In den ersten beiden Klassen kann noch gezielt an den Lernvoraussetzungen gearbeitet werden.
2. Ein Versagen und der Verlust der Lernmotivation können vermieden werden.
3. Fehlende Erfolgserlebnisse führen weit seltener zu negativen Verhaltenskompensationen.
4. Das Kind macht frühzeitig die Erfahrung, ein Problem eigenständig gemeistert zu haben, und baut hierdurch eine verstärkte Bereitschaft zur Arbeit im Problembereich auf.
Welchen Stellenwert hat die Rechtschreibung in unserer Gesellschaft ?
Lesen und Schreiben hat noch immer in unserer Gesellschaft einen hohen Stellenwert. Meist reagieren Eltern auf entsprechende Schwierigkeiten ihres Kindes ratlos und empfindlich. Wer bei seinem eigenen Kind erlebt hat, wie es sich nachmittags bei den Hausaufgaben herum quält, auf der Suche nach Anerkennung in der Schule Unsinn macht, sich um zusätzliche Aufgaben und Übungen herumdrückt, wer immer wieder gesagt bekommt: „Sie müssen mit ihrem Kind mehr üben!“ oder ihrem Kind fehlt Selbstvertrauen und Aufmerksamkeit“ , versteht, warum Eltern in diesem Bereich empfindlich reagieren.
Das Rechtschreiben darf nicht vernachlässigt werden. Es darf aber auch kein Übergewicht im Lernbereich Sprache erhalten (Richtlinien NRW, Sprache, S. 40)
Schreibenkönnen ist nach wie vor wichtig! Aber es gibt Wichtigeres als die Rechtschreibung. Wenn wir mit der Rechtschreibung gelassener umgehen, sie nicht mehr als das Wichtigste betrachten, nehmen wir gerade den LRS- SchülerInnen einen enormen Druck von ihren Schultern. Dann können wir auch bereit sein, Kindern Zeit zu geben, sich zu entwickeln. Wenn wir Kindern Zeit lassen, werden sie von selbst erkennen, dass es erstrebenswert ist, so zu schreiben, dass jedermann es lesen kann.
Wir müssen lernen, gelassen mit dem Problem umzugehen, uns Zeit zu nehmen und dem Kind „seine Zeit“ zu lassen. Das bedeutet natürlich nicht abwarten und zuzusehen, die Probleme des Kindes werden sich schon von selbst erledigen. Geraten Sie bitte nicht in Panik wenn ein Problem auftritt, sondern suchen Sie sich gezielt außerschulische fachlich kompetente Hilfe von erfahrenen Legasthenietherapeuten.
Wie verläuft eine Legasthenietherapie?
Im Verlauf des zweiten Schuljahres, wenn der Lese-Schreiblehrgang abgeschlossen ist, fallen die meisten „Legastheniker“ auf.
Spätestens am Ende des zweiten Schuljahres sollte bei einem Legasthenieverdacht der Schulpsychologe oder ein Beratungslehrer hinzugezogen werden. Warten kann sich dramatisch auswirken. Ein Eltern-Lehrer-Gespräch geht meistens voran und klärt die Situation zunehmend auf.
Die folgenden Gründe zeigen auf warum das zweite Schuljahr für Abklärungen und Therapiebeginn der beste Zeitpunkt ist.
-
Das Kind hat noch nicht so stark unter Misserfolgen gelitten und empfindet noch Freude am Lernen.
-
Es ist noch nicht so festgelegt in seinen Interessen wie beispielsweise ein zehnjähriges Kind und daher noch viel leichter für einen Neuanfang im Lesen- und Schreibenlernen zu motivieren.
-
Der Lernrückstand ist noch gering.
-
Der Wortschatz ist noch überschaubar, das Lesen einfacher Texte altersgemäß und jedes zusätzliche Wort, das auswendig geschrieben werden kann, ein spürbarer Fortschritt.
Was ist der individuelle Schwerpunkt in einer klassischen Legasthenietherapie?
Für jedes Kind liegt der Schwerpunkt anders, aber trotzdem werden alle Bereiche mit einbezogen, da sie sich gegenseitig stark fördern.
Die Therapiestunden intensivieren, differenzieren und individualisieren die Lernprozesse des Kindes.
Folgende Elemente gehören zu einer Therapie:
-
Funktionelle Übungen: wahrnehmen, unterscheiden, wiedergeben, Gedächtnistraining, Konzentrationstraining, Orientierungsinn fördern
- Stolperstellen im Lernprozess überwinden lernen
- Lesetraining, kurze Texte Tonbandaufnahmen für Selbstkorrektur, Gedichte Ziel: lesen lernen, Sprachgefühl stärken, Wortschatz vergrößern, Schreibweisen enprägen, Lesefreude entwickeln.
- Rechtschreibtraining, Arbeitsblätter, Diktatvorbereitungen, Grammatik …. Ziel: Pro Lektion einige Wörter zum gleichen orthographischen Problem üben und abschließend diktieren.
- Sprechanlässe; Erlebnisse, Hobby des Kindes Bildergeschichten, Nacherzählungen…Ziel: sprachliche Hemmungen überwinden, Mut bekommen selbst etwas zu formulieren. Sicherheit im Ausdruck gewinnen.
Was passiert, wenn sich nicht bald sichtbare Fortschritte innerhalb einer Therapie einstellen?
Die Fortschritte, die ein Kind macht, zeigen sich nicht unmittelbar in einer schulischen Leistungssteigerung. Im nächsten Zeugnis sind nicht zwingend bessere Noten zu erwarten. Es ist bereits eine beachtliche Leistung, wenn der Abstand zur Klasse nicht noch größer wird. Eltern sollten sich im Voraus klar machen und wissen, dass Wochen und Monate vergehen können, bis sich die ersten Fortschritte auch in der Schule zeigen. Der Lernfortschritt verläuft auch nicht immer gleichmäßig. Neben Zeiten des Stillstands ist sogar mit gelegentlichen Rückschlägen zu rechnen. Buchstabenverwechselungen tauchen manchmal nach längerer Nachhilfe wieder auf. Wenn Eltern sich das vor Augen führen, werden sie auch nicht gleich den Mut verlieren und ihr Kind positiv in seiner Entwicklung begleiten können. Die Arbeit liegt nicht nur beim Kind, sondern im großen Maße auch bei den Eltern, die ihr Kind loben lernen müssen für das was es kann und nicht auf das zu schauen, was es noch nicht kann. Man erwarte bei Legasthenikern also bitte keine raschen Erfolge!
Nur ganz langsam verbessert sich die Lesefertigkeit und noch langsamer die Rechtschreibung. Manche Kinder die diese Schwierigkeiten hatten, fingen erst sehr spät an Bücher freiwillig in die Hand zu nehmen. Stellen Sie sich bitte auf eine Förderung zwischen 4 bis 6 Jahren ein. Man spricht von einer Zeit zwischen dem 7. bis 13. Lebensjahr. Bei guter Mitarbeit des Kindes sollte die Therapie so lange dauern, bis die Lernstörung so weit abgebaut ist, dass es seiner Intelligenz entsprechend lesen und schreiben kann. In der Praxis wird die Therapie meistens abgebrochen, wenn das Kind mit der Klasse Schritt halten kann.